Wir haben eine neue Adresse

Die Sionpilger hat sich ein neues Gesicht gegeben!

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www.histofaber.de

Schon lange ist unsere Living History-Darstellung viel zu groß für den alten Namen geworden und unser alter Blog hatte dringenden Überarbeitungsbedarf. Daher haben wir ein neues Projekt mit neuem Konzept entwickelt: Histo|Faber ist da! Histo|Faber ist nicht nur Living History, sondern auch Blog und noch vieles mehr ist in Planung.

Für mehr: http://www.histofaber.de

 

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Unsere Darstellung – Umsetzung und Anspruch

Dieser Blog entstand nun vor etwas mehr als einem Jahr anlässlich unserer geplanten Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Ursprünglich war er dazu gedacht, unsere Freunde, Verwandten und alle andern Interessierten von unseren Erfahrungen auf dem Camino zu erzählen. Gleichzeitig wollten wir die Welt da draußen auch an unserem Parallelprojekt teilhaben lassen: die Entwicklung einer mittelalterlichen Jakobspilger-Darstellung.

Nun ist eine Pilgerdarstellung zwar eine nette Sache, aber vom Laufen kann man bekanntlich nicht leben (obwohl das heute auch so einige Dauerpilger auf dem Jakobsweg versuchen 😉 ) und so war jeder mittelalterliche Wallfahrer nicht in erster Linie Pilger, sondern vor allem ein ganz normaler Mensch mit einem ganz normalen Tagesgeschäft, das entgegen der Ausnahmesituation des Pilgerns 99% seines Lebensinhalts ausmachte. Gleichzeitig ist dieser Hintergrund des Pilgernden, sein sozialer wie finanzieller Stand, natürlich auch prägend für die Art, wie er pilgert – ob zu Fuß oder mit einem Pferd als Hilfsmittel, mit welcher Ausrüstung, mit welchem Gepäck und mit welchen finanziellen Mitteln.

So ist es nur konsequent bei einer Pilgerdarstellung auch die Person mitzubedenken, die hinter dem Pilgerhut und dem -stab steckt. Wer ist dieser Mensch, der da pilgert, aus welchem Kontext kommt er und unter welchen Voraussetzungen geht er diesen Weg? Nur so kann die Darstellung in sich stimmig sein.

Um diesen Menschen mit Leben zu füllen, muss man sich Gedanken zu einigen wichtigen Eckpunkten machen, die ein mittelalterliches Leben bzw. die Gestaltung der Darstellung bestimmen: Die Zeit, die man darstellt, die Herkunft, der Stand und womöglich auch die familiäre Situation.

Da wir auf Veranstaltungen natürlich nicht nur als Pilger auftreten wollen, arbeiten wir natürlich auch an der alltäglichen Darstellung, die dahinter steckt. Diese wollen wir euch nun auch auf diesem Blog mehr und mehr vorstellen. Deshalb könnt ihr hier im Menü unter der Rubrik „Darstellung“ sowohl die Projekte für unsere Pilger als auch die Projekte und Rekonstruktionen für unsere Alltagsdarstellung finden.

Wer sind wir also? Wen stellen wir dar?

Wir ordnen unsere Darstellung im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts im Bereich des heutigen Norddeutschland an. Dieses Gebiet ist zugegebenermaßen ziemlich groß, grenzt sich aber in wesentlichen kulturellen Eigenheiten vom Süden des Reichs ab. Ursprünglich für den Bereich Südniedersachsens als Referenzrahmen entschieden, sind wir mittlerweile wieder breiter aufgestellt. Das hängt wesentlich mit den Darstellungsaspekten zusammen, die über die Jahre hinweg hinzugekommen sind.

Das sind (in der Reihenfolge ihres Entstehens):

  • Die Pilger: Der Ursprung unserer 15.-Jahrhundert-Darstellung und aus unserer „modernen“ Pilgeridee geboren. Als Pilger können wir Einblicke in die Aspekte Religion, Frömmigkeit, Reise und Mobilität im Mittelalter geben. Diese Darstellung nutzen wir vor allem auf Veranstaltungen, die wir nur als Tagesgäste besuchen.
  • Die Bürger: Dies ist sozusagen der Hintergrund der anderen „Rollen“, sie bilden als Teil der städtischen Eidgemeinschaft mit ihrem sozialen und finanziellen Status den Referenzrahmen für unsere Interpretationen. Gerade bei Belebungen geben wir gerne Einblicke in einen spätmittelalterlichen Haushalt und den ganz normalen Alltag – wie wohnte man, wie schlief man, welchen Luxus konnten wir uns leisten?
  • Die Buchhandwerker: Das spätmittelalterliche Tagesgeschäft ist wesentlich vom Broterwerb bestimmt. Hier haben wir uns an unserem modernen Broterwerb orientiert, nämlich die Arbeit mit dem mittelalterlichen Buch, und das für unsere Darstellung adaptiert. Als Buchhandwerker vereinen wir ganz unterschiedliche Berufszweige – Briefmaler, Buchbinder, Schreiber und Drucker – in uns. Insbesondere auf Museumsveranstaltungen geben wir damit Einblicke in die Bereiche Bildung, Buch und Wissen im ausgehenden Mittelalter. Da dieses Handwerk während unserer Darstellungszeit aber nur im äußersten Norden Norddeutschlands verbreitet ist, orientieren wir uns mittlerweile auch wieder weiter in diese Richtung.

Was ist unsere Quellengrundlage?

Unsere Arbeitsgrundlage teilt sich in drei Quellenrubriken. Zum einen die Objektüberlieferung, also die erhaltenen Realien und die in archäologischen Grabungen ergrabenen Gegenstände. Viele Alltags- und Gebrauchsgegenstände finden sich in mittelalterlichen Kloakenschächten. Diese Überlieferung ist die wichtigste Grundlage für unsere Darstellung, auch wenn sie häufig nur den geringsten Teil ausmachen kann.

Um diese Überlieferung kontextualisieren zu können, braucht es dann noch die Text- und die Bildquellen.

Schriftliche Quellen sind für den städtischen Kontext vor allem die Stadtrechte und Kleiderordnungen. Ein Stadtrecht hatte eine jede Stadt und schrieb darin die für jeden Bürger und/oder Stadtbewohner geltenden Regeln fest. Die Kleiderordnungen waren Vorschriften, wie sich die Bürger kleiden durften, welche Stoffe, welche Farben, welcher Schmuck erlaubt war. Dabei richtete man sich häufig nach dem Einkommen der Bürger bzw. ihrer Steuerklasse: Wer mehr Steuern zahlte, durfte wertvollere Sachen tragen und mehr prunken. Diese Regelwerke stecken den „gesetzlichen“ Rahmen, in dem sich unsere Darstellung bewegen darf und geben wesentliche Richtlinien, beispielsweise für die Kleidung.

Daneben stehen noch Inventare, die zu unterschiedlichen Anlässen angefertigt werden konnten. Sie sind wertvolle Zeugnisse für die Ausstattung der städtischen Haushalte.

Schließlich bleiben die Bildquellen. Solche sind vor allem als Gemälde und Skulpturen aus Kirchenbesitz erhalten, zum einen weil Kirchen und religiöse Einrichtungen besonders gerne zu Zwecken des eigenen Seelenheils oder der Repräsentation von Bürgern und bürgerlichen Gruppen ausgestattet wurden, zum anderen, weil sie wegen des jahrhundertewährenden Bestehens dieser Einrichtungen auch häufig bewahrt blieben. Erst durch diese bildliche Überlieferung werden Tatsachen und Gegenstände, von denen wir aus der schriftlichen Überlieferung wissen, häufig überhaupt erst fassbar.

Unsere Umsetzung und unser Anspruch

Sofern möglich basiert unsere gesamte Darstellung auf zeitgenössischen Quellen. Auch wenn man es gerne anders hätte, ist diese Umsetzungsweise aber immer mit Einschränkung zu verstehen. Wir wissen eben nicht alles über das Mittelalter, und das was wir wissen, basiert oftmals auf Interpretationen, denn originale Objekte sind rar und auch diese nicht immer ohne weiteres in den passenden Kontext einzuordnen.

Daher gilt für uns: So weit wie möglich basiert die Umsetzung auf der Objektüberlieferung aus unserer Zeit und unserer Region. Was nicht im Original erhalten ist – das ist besonders häufig bei Textilien der Fall – wird versucht, anhand der Text- und Bildüberlieferung schlüssig zu erschließen.

Für unsere Projekte werden nur Materialien verwendet, die im 15. Jahrhundert bereits verfügbar waren. Für die Kleidung bedeutet das, dass nur natürliche Fasern wie beispielsweise Wolle und Leinen (das macht auch tatsächlich den Großteil aus) in den damals üblichen Webarten verwendet und dann auch mit entsprechenden Garnen verarbeitet werden. Genäht wird ausschließlich mit der Hand. Was bei uns nicht der originalen Herstellungsweise entspricht (was aber laaangsam mit der Zeit auch noch angeglichen werden soll) sind die Farben. Unsere Textilien sind nicht natürlich gefärbt, dennoch legen wir Wert darauf, dass die Farben dem damals möglichen entsprechen und für den von uns dargestellten Stand in den Textquellen belegbar und auch erschwinglich waren.

Natürlich können wir nicht garantieren, dass alle Rohstoffe und Ausgangsmaterialien, die wir für unsere Projekte verwenden, hundertprozentig nach den damals möglichen Methoden gewonnen und hergestellt wurden. Aber wenn es danach ginge, dürfte die Wolle unserer Kleider auch nur von im 15. Jahrhundert verfügbaren Schafrassen stammen, die unter den gleichen Voraussetzungen gehalten werden müssten wie im 15. Jahrhundert und nur Gras fressen dürften, das dem im 15. Jahrhundert entspräche … – aber Spaß beiseite 😀 So weit wie möglich, bemühen wir uns natürlich auch dabei um historische Korrektheit.

Der Beine neue Kleider

Ok, wir hatten einen Zeitsprung in der Darstellung, also was hat sich in den grob letzten 100 Jahren so alles geändert bei der Kleidung?

Bitte glaubt mir alle im folgenden auftretenden Behauptungen, auch wenn nicht jede explizit durch die hier aufgezeigten Bilder vollkommen belegt ist. Sie dienen vorrangig als Beispiele für breiter anzutreffende Phänomene. Für mehr Bildquellen schaut auf meine Pinterest Pinnwand zu Hosen/Beinlinge hier klicken oder zu Kleidung des 15. Jahrhunderts hier klicken

Es hat sich enorm viel getan, soviel sei schon mal gesagt, aber man braucht ja einen Anfang. Am auffälligsten scheint der Wandel der Befestigung der geteilten Hosen wie wir sie auf dem linken Bild bei grüngewandeten Mann sehen, zu einer verbundenen Hose wie beim Bauern auf dem rechten Bild. Aus den einzelnen Hosenbeinen wurde also eine Hose, die schon dem modernen Schnitt von Hosen mehr ähnelt. Einher mit dem Hochwandern des oberen Endes der Hose geht auch eine andere Befestigung der Hose. Vorher wurde sie an einem Punkt je Hosenbein an der Bruche (eine Art Unterhose, aber dazu in einem anderen Beitrag demnächst mehr), nun – haha, „nun“ vor mehr als 500 Jahren – gibt es mehrere Befestigungen, die sich über den ganzen „Hosenbund“ verteilen, und sie wird nicht mehr an der Unterhose befestigt, sondern am Obergewand (auch dazu in einem späteren Beitrag mehr). Eine einteilige Hose muss also her! Schauen wir uns diese Art Hose also mal genauer an, beginnend von der Rückseite, weil wir durch den Bauern eh schon eine solche Ansicht haben:

Die Hose ist also wirklich hoch schließend und geht über beide Arschbacken. Bis auf die mittlere Abbildung ist sie sehr eng, sogar beim Bauern ist sie nicht gerade weit geschnitten. Wie man an den kaputten Hosenbeinen und dem kaputten Schuh beim mittleren Bild sieht, stellt er nicht gerade wohlhabende Person dar, was der Grund für den weiten Schnitt sein kann (und auch ist). Es gibt sie mit und ohne Fußteile.

Weiter können wir beim linken und rechten Bild sehen, dass es mehrere Befestigungen gibt, die mit Schlaufen fixiert sind. Eine Schlaufe ist hinten in der Mitte, dann gibt es noch ein weiteres Paar hinten, ein Paar an der Seite und (wie wir auf den nächsten Bildern sehen werden) ein Paar vorne. Und apropos „vorne“, was ist eigentlich vorne in der Mitte los? Immerhin hängt kein Obergewand mehr über den Schritt, und man kann doch nicht einfach seine Unterhose im Schritt zeigen, oder? Also ran an die Bildquellen:

Es gibt also einen Hosenlatz als separates Stück, das die edelsten Teile verdeckt. Der Latz besteht aus zwei Stück Stoff, die so zusammengenäht sind, dass sie eine „Schale“ bilden. Er kann ein Dreieck bilden und oben gerade abschließen (wie man u.a. bei der Tarotkarte des Gehängten sieht) oder nach oben wieder zulaufen (hier die orange Hose ansehen). Im ersteren Fall werden die beiden Ecken einzeln befestigt, im zweiteren die einzelne obere Spitze einfach befestigt. Die Grenzen zwischen Hosenbein und Hosenlatz können blickdicht sein, oder auch den Blick auf einen Streifen der Unterhose lassen. Und überblickt man die Abbildungen, scheinen es meist rundherum 7 Punkte zu sein, an denen die Hose am Obergewand befestigt wird.

Und nun soll es endlich zu meiner Hose gehen, die ich mir auf Basis dieser Wissenssammlung rekonstruiert habe:

Als Material habe ich einen hellbraun-gelben Wollstoff genommen und ein fast gleichfarbenes Leinengarn. Im Schnitt habe ich für eine enge Variante entschieden (immerhin soll es um die Hose eines nicht ärmlichen Bürgers gehen) mit Fußteilen und einem dreieckigen Hosenlatz, da dies einerseits die gängigste Variante zu sein scheint – hier ist wieder eine Annäherung und Wahrscheinlichkeit als Grundlage zu nehmen, da die Bildquellen im von uns gewählten Raum eher mau sind – und es mir zudem am besten gefällt.

Das Schnittmuster: Ein Schnittmuster gibt es nicht. Das muss man sich selbst machen. Dies haben wir (alleine geht es nicht, man braucht da schon Hilfe) folgendermaßen gemacht: Ich habe mich in Unterhose ins Wohnzimmer gestellt, worauf meine bessere Hälfte eines meiner beiden Beine in Frischhaltefolie wickelte und dann mit Malerkrepp umwickelte, damit es eine stabile Form ergab. Als nun alles, was ein Hosenbein werden sollte – hoch bis zum Hosenbund – eingewickelt war, schnitt Mai-Britt hinten das Hosenbein wieder auf. Das nun abgeformte Bein legte ich auf ein großes Blatt Papier und umzeichnete die Umrisse. So bekam ich ein 2D Schnittmuster für mein 3D Bein. Man hätte es auch mit Stoff (der sich nicht verziehen darf) einwickeln können und hinten an der zukünftigen Naht bstecken und anzeichnen und wieder befreien. Ein Bild gibt es davon nicht, da ich mein Bein in Malerkrepp doch ein wenig unspektakulär finde. Wichtiger ist die Beschreibung für den Fußteil: Den Fuß haben wir in einem separaten Schritt auch noch einmal eingewickelt auf die gleiche Art und Weise. Auch hier wurde hinten an der Ferse herab aufgeschnitten, dann die Sohle abgeschnitten, damit diese ein separates Stück Stoff wird, und bei dem restlichen Teil an den Stellen, die an den Knöchel gehen, Dreiecke herausgeschnitten und an die Fußsohle geklebt. Dadurch, dass man aus dem stark gebogenen Stoff, der über den Fuß gehen soll, Teile herausnimmt, ist die Umsetzung von ebenen Stoff auf den runden Fuß besser ohne Falten möglich, und die Gegend um die Knöchel bietet sich an, da sie als einziges am Fuß noch recht gerade ist. Der Teil für den Fußrücken und der Teil für das restliche Bein wird auch zusammengeklebt, da dies eine einzige Stoffbahn wird.

Alles auf den Stoff gelegt, ausgeschnitten und zusammengenäht, ergibt eine halbe Hose. Schnittmuster auf links, wieder auf den Stoff legen, ausschneiden, zusammennähen, ergibt das zweite Bein. Jetzt noch beide Hosenbeine am Gesäß  (NICHT vorne, sonst passt das ja nicht) zusammennähen, und es ist eine Hose (die vielen Male abstecken, neu nähen, anziehen, abstecken,… habe ich jetzt mal herausgelassen aus der Beschreibung, aber wenn man eine Hose auf Maß und auch eng nähen will, versteht sich das ja von selbst)

An der Oberkante habe ich den Wollstoff auf der Innenseite noch mit einem breiten Streifen Leinen abgefüttert und somit verstärkt, damit die dann zu machenden Löcher nicht so leicht ausreissen und der Stoff sich nicht sio verzieht. Den Hosenlatz habe ich, muss ich zugeben, frei Schnauze gemacht, und kann ihn deswegen nicht wirlich beschreiben, aber so kompliziert ist das ja auch nicht. Am unteren Ende geht der Latz zusammen und wurde in der Mitte an die Hose angenäht. Oben bekam er dann auch in jeder Ecke ein Loch zum befestigen.

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An die Tür gehängt und somit doch recht unförmig sieht sie dann so aus.
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Und so an mir. Schon viel besser als an der Tür. Es fehlen nur die kleinen Riemen unter den Knien, die die Beine an den Waden besser straff halten.

Hier ein paar Detailaufnahmen:

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Diese farbenfrohen Nestelbänder (Fingerloop Bänder aus Leinen, mit Messing Spitzen, geloopt – sagt man das so? – von Mai-Britt) halten die Hose oben

Ja, und das ist meine Hose… fertig 😉

 

So, und hier kommt die Bonuszugabe.

Ich habe, ganz frei nach dem Leder“hosenträger“ von

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und dem Prinzip des Arming Girdle / Lendenier von Ian Laspina / Knyght Errant (hier klicken) einen eigenen Tragegürtel aus zwei Lagen Leinen für meine Hose gemacht, der mir die Möglichkeit gibt, meine Hose nur mit einem Unterhemd zu tragen und in dem Moment auf das Obergewand, an dem die Hose sonst ja hängt, zu verzichten. Dieser Tragegürtel ist wahrscheinlich nicht A, da ich für dieses konkrete Teil keinen Beleg habe, aber es gab zumindest ähnliche Kleidungsstücke (einmal aus einem anderen Material für Hose und einmal aus Leinen für metallene Hosenbeine). Dieser Tragegürtel ist etwa 10cm breit und sitzt, wie das Obergewand mit der engsten Stelle auch, auf der natürlichen Hüfte und hat daher seinen Halt. Er hat auch die passenden Löcher, dass ich bei ihm genau wie bei dem Obergewand die Hose annesteln kann. Auf dem Spiegelbild wird die Hose auch von diesem Teil gehalten. (Sagen wir mal so: in diesem Moment nähte ich etwas, das nicht a wie authentisch ist, aber dafür p wie praktisch und plausibel)

 

 

Ich hoffe, mein doch etwas langer Artikel hat euch gefallen, und hilft euch ggf. bei euren eigenen Arbeiten.

Bis dahin, macht es gut, euer Sionpilger 😉

Oh deer!

Neueste Errungenschaft: Ein Beutelchen für die Dame aus Hirschleder.

Benötigt wurde:

  • Sämisch gegerbtes Hirschleder – eigentlich nicht so sonderlich viel, aber ich habe unsere Haut bei ebay geschossen und da gab es die sozusagen im Dutzend billiger, deswegen haben wir jetzt noch ca. 1,3qm davon rumliegen… Ich kann also noch viiiele Taschen nähen
  • rotes Leinengarn – oder was man eben so da hat. Ich habe dieses genommen, weil es zum einen sehr fest und stabil ist und ich so auch die Ledernähte direkt damit nähen konnte und weil das Rot zum anderen so wundervoll mit der Vanillefarbe von dem Leder harmoniert 🙂

Die Tasche ist aktuell noch nicht ganz fertig. Ich muss oben noch die Löcher anbringen und passende Nestelschnüre zum Verschließen und für die Aufhängung anbringen.

 

 

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Bei der Form habe ich mich an einer von vielen Beutelformen orientiert, die man auf Gemälden des 15. Jahrhunderts dargestellt finden kann, die sich aber in fast allen Ausführungen durch kleine aufgesetzte (oder integrierte) Täschchen auf der Außenseite auszeichnen. Eigentlich sollte es sich bei dieser ersten Version erst einmal um ein Testobjekt handeln, um zu sehen, wie sich das Leder bei der Verarbeitung so verhält und ob mein Schnitt, den ich für die Rekonstruktion angefertigt habe, im Ergebnis den Abbildungen überhaupt wirklich nahe kommt.

Für dieses erste Versuchsobjekt habe ich mich deshalb erst einmal auf die Beutelform gestützt, die sich mir aus den Abbildungen und den Aufnahmen von diversen erhaltenen Objekten am ehesten erschlossen hat. Der Aufbau ist an sich simpel: ein Beutel aus mehreren Segmenten, die an den Seiten und ihren spitz zulaufen Enden zusammengenäht werden, damit ein länglicher, einseitig geschlossener Schlauch entsteht. Darauf aufgesetzt werden dann kleine Beutelchen, die ich in meiner Version aus halbkreisförmigen Zuschnitten angefertigt habe. Die wurden dann in einer Tropfenform (also einem nach oben hin spitz zulaufenden Kreis?) auf die Segmente aufgenäht, sodass sie nach oben hin offen waren und die Öffnung vom Beutel abstand. Diese werden durch mit Knochenperlen verstellbare Fingerloopschnüre verschlossen. Unten angenäht habe ich ganz am Ende noch eine Quaste.

Es gibt natürlich noch andere Beutelformen.Beispielsweise die, wo der Beutel mit einem runden Lederdeckelchen geschlossen wird, der gleichzeitig auch die Lasche bildet, mit der der Beutel am Gürtel festgemacht wird (s. die Bilder oben). Dafür braucht es aber ein bisschen stabileres Leder, das ich gerade nicht zur Hand hatte.

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Oder die Form,wo die äußeren kleinen Täschchen aus der Naht, mit der die Segmente zusammengesetzt werden, selbst gebildet wird. Das sieht eigentlich sehr interessant aus, deswegen war das ursprünglich mein Favorit. Allerdings bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich dabei den Aufbau schon hundertpro durchschaut habe…

Alles weitere werde ich daher auf die nächsten Versuche vertagen – genügend Leder ist ja da 😉 Bis dahin wird erst einmal der jetzige Beutel fertiggestellt und ausprobiert.

 

 

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Pilgerzeichen III. (Pilgerzeichen 2.0)

Ja, wir waren nicht so ganz zufrieden mit unseren bisherigen Pilgerzeichen. Fimo und Badezimmersilikon sind einfach ungeeignet für Zinnguss. Es ist kein Wunder, dass sie damals dann doch lieber Speckstein verwendet haben für die Formen und Fimo links liegen ließen. Also haben wir es dann jetzt auch mal auf die authentische Art und Weise versucht und nahmen Speckstein und schnitzten dort die Negativform hinein. Als Vorlagen dienten wieder die gleichen Pilgerzeichen: Nikolausberg und Gottsbüren.

Denn, um ehrlich zu sein, so groß ist die Ähnlichkeit beim alten Versuch, besonders bei den Details, nicht:

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Nundenn: Her mit dem Speckstein und passendem Werkzeug, mehr Mühe geben und los!

Die Gussformen gelangen uns schon beim ersten Versuch richtig gut. Aber seht selbst:

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Und beim x-ten Durchgang hatten wir auch Pilgerzeichen, bei denen nichts fehlte (Nikolaus hatte oft keine Segenshand oder Bischofsstab, der Jesus beim Gottsbürener Zeichen keine Arme,…) und dieses mal wurden die Ergebnisse – um uns mal selbst auf die Schultern zu klopfen – sehr sehr geil 😀

(Kleiner Exkurs zu Gussformen: Es ist zum einen wichtig, bei solchen Gussformen darauf zu achten, dass es möglichst keine Abschnitte gibt, die beim Guss sozusagen „von unten“ aufgefüllt werden – und wenn es nicht anders geht, dann muss man Entlüftungskanäle zur Außenseite hin setzen. Sprich: Die Kreuzigungsgruppe musste mit den Füßen zum Eingussloch sitzen, weil sie zu einer Seite [Die Köpfe] geschlossen sind und sonst nicht mit Zinn vollgelaufen wären. Wäre das Zeichen ohne äußeren Kreis und man hätte die Figuren andersherum gesetzt, hätte man von den Köpfen kleine Entlüftungskanäle zum Rand der Form ziehen können, damit es nicht wie bei einer Tauchglocke dicht und luftgefüllt bleibt. Und bei vielen Details oder dünnen Formen, und bei Material, das viel Wärme aufnehmen kann, ist es sehr praktisch, die Form vorzuwärmen, weil sonst das Zinn zu schnell abkühlt)

Ich habe die Bilder im Folgenden mal nicht herunterskaliert, damit man sie in voller Größe mit allen Details sehen kann

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Was meint ihr? Sind sie uns gelungen? Kann man sich so blicken lassen? Es sind zugegebenermaßen keine 1:1 Reproduktionen – ein paar Details sind leicht unterschiedlich, aber wir haben ja auch nachgearbeitet und nicht die Originale abgegossen – aber die „Herkunft aus der Produktionsreihe“ (Es gab ja nicht eine einzige Form, sondern viele, mit denen gegossen wurde an den Pilgerstätten, und es gingen auch mal welche kaputt und mussten ersetzt werden) kann man denke ich gut erkennen 😉

 

Euer Sionpilger

 

P.S. Ihr seht auf dem Bild das Gottsbürenzeichen von meinem Pilgerhut. Der Jesus von der Sionpilgerin hat beide Arme 😀

Ein Häubchen für das Köpfchen

Ich wollte mir gerne einmal eine etwas morderne und praktischere Kopfbedeckung zulegen und habe mich dafür für eine Wulsthaube entschieden.

Die Wulsthaube ist auf vielen Abbildungen aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts vor allem aus dem süddeutschen Raum zu sehen. Aber auch aus dem Norden gibt es einige Darstellungen, die sehr ähnlich aussehen, auch wenn diese Form der Kopfbedeckung dort erst in den 1490er Jahren aufgekommen zu sein scheint.

(Abbildungen muss ich nachliefern)

Nun ist nicht ganz klar, wie diese Wulsthaube konstruiert war, da sie auf den Abbildungen meistens nur bedeckt von einem weiteren Tuch zu sehen ist. Vermutlich handelte es sich bei der Wulst, der Hornförmigen Verdickung am Hinterkopf, ursprünglich um eine Art Zopfersatz, die eben dann getragen wurde, wenn die Trägerin selbst nicht über genügend Haarpracht verfügte, um einen entsprechenden Zopf zu formen.

Viele Rekonstruktionsansätze gehen so vor, dass sie die Wulst auf eine „Träger“haube aufnähen, sodass die Wulst als Horn auf der Haube aufsitzt (wird klar, wie ich das meine?) Ich habe mich für den anderen Weg entschieden, also Horn unter die Haube. Da keine Wulsthauben erhalten sind, habe ich mich an anderen Haubenformen orientiert, unter anderem einer aus einem Grabfund des 16. Jahrhunderts aus Gelterkinden, heute im Kantonsmuseum Basel-Landschaft. Hierbei fehlt zwar das markante Horn, aber auch diese Haube trägt ordentlich zusätzliches Volumen auf die Kopfform der Trägerin auf, doch ist dieses Volumen unter einem Haubentuch verstaut und nicht von außen auf das Tuch aufmontiert (wird hier klar, was ich meine??). Außerdem erscheint mir das allgemein das stabilere Ergebnis zu liefern, was wiederum Abbildungen entsprechen würde, auf denen die Trägerin ihre Haube samt Schleiertuch verloren hat, das Gebilde dabei aber nicht in sich zusammenfällt, sondern in sich stabil bleibt.Das ist meiner Meinugn nach am ehesten dadurch möglich, dass das Horn die Haube sozusagen von innen unter Spannung hält und sie dadurch in der Form hält.

Also, um das Ganze jetzt deutlicher zu machen: Ich habe zuerst die Wulst genäht, eine ca. 40 cm lange, zu den Enden hin schmal zulaufende Wurst. Aus gebleichtem, relativ feinem Leinen. Gefüttert habe ich sie mit Rohwolle, allerdings bin ich mir jetzt nicht mehr so im Klaren darüber, ob das solch ein kluger Einfall war – könnte halt, je nach Wetterlage, anfangen zu stinken. Dafür werde ich mir also vielleicht noch einmal etwas anderes überlegen. Dann habe ich mir ein rechteckiges Tuch, aus demselben Leinen zugeschnitten, das etwas breiter war als mein Kopfumfang. Das habe ich mir mit zwei Ecken hinten am Hinterkopf zusammengesteckt, sodass der Rest vom Tuch lose über den Kopf nach hinten hing, ähnlich wie diese Piratenkopftücher, nur viel größer. Darunter habe ich dann von hinten die Wulst geschoben (muss man dann ein bisschen in Form drücken, damit sie diesen Hornbogen bildet) und ganz grob mit Stecknadeln fixiert, damit es an Ort und Stelle bleibt.

Für den Rest musste ich auf einen Puppenkopf umsteigen. Der hat leider nicht ganz meinen Kopfumfang, deswegen musste ich da noch mal unterfüttern, war aber, da aus Styropor, super dafür geeignet, ihm Stecknadeln ins Haupt zu rammen 😀 Als alles so weit fixiert war, habe ich das herabhängende lose Ende vom Tuch einfach ordentlich über die Wulst gelegt und, um am vorderen Teil der Haube Faltenwurf zu vermeiden, auf der Kopfrückseite in ordentliche, gleichmäßige Falten gelegt. Diese wurden festgesteckt und dann vernäht. Die überstehenden Zipfel habe ich einfach vorsichtig zurückgeschnitten und mit einem Stoffquadrat ordentlich überdeckt. Es gibt bestimmt ästhetischere Lösungen für den Stoffüberstand, aber das werde ich dann beim nächsten Mal erproben.

Ganz zum Schluss die Wulst noch festnähen und dann ein Band, ebenfalls aus dem Leinen, an die untere Kante genäht, sodass am Hinterkopf unten zwei Bändsels überstehen, mit denen man die Haube dann zubinden kann.

Und so schaut das Ding dann fertig aus (Ich muss noch ein paar Fäden versäubern). Bisher sitzt sie bombenfest, wenn man sie am Hinterkopf gut zubindet, allerdings habe ich sie auch noch nicht wirklich unter „realen“ Bedingunen erprobt. Das kommt dann noch

…ich sollte aufhören, diese dämlichen Selfies zu machen 😀 …

Ein Rosenkranz

Mein neuer Rosenkranz entstand in Anlehnung an einen Fund vom Nonnenchor des Zisterzienserinnenklosters Wienhausen bei Celle. Die Nonnen hatten seit dem Neubau ihres Chores in den 1330er Jahren über Jahrhunderte hinweg und vor allem im 15. Jahrhundert immer wieder kleine Gegenstände zwischen den Dielenbrettern unter dem Chorgestühl verloren (oder bewusst dort deponiert…?). Als 1953 die Bohlen angehoben und die darunter angesammelten Objekte geborgen wurden, kam dabei ein wahrer Schatz von Alltags- und Gebrauchsgegenständen zu Tage. Viele Objekte des täglichen Gebrauchs, die sonst gar nicht oder kaum aus dem Mittelalter überliefert sind, erhielten sich in der Zwischendecke. Dazu gehört unter anderem auch dieser Rosenkranz des 15. Jahrhunderts, eines der wenigen norddeutschen Beispiele aus dieser Zeit (laut Literatur ist es angeblich der einzige aus dieser Region, allerdings erhielten sich, so weit ich weiß, auch ähnlich datierte Funde aus Hameln und Lüneburg…)

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Vgl. dazu Rosenkränze und Seelengärten. Bildung und Frömmigkeit in niedersächsischen Frauenklöstern, hg. v. Britta-Juliane Kruse, Wolfenbüttel 2013, S. 105f., S. 292.

Zum Hamelner Exemplar vgl. Leuchtendes Mittelalter, hg. v. Norbert Humburg, Joachim Schween, Holzminden 2000 (Die Weser. EinFLuss in Europa I), S. 363 f., Kat.-Nr. 88-89.

Für meinen Rosenkranz habe ich mich nun an dem Wienhäuser Beispiel orientiert. Meine Version besteht aus Bein, Koralle und Achat auf Hanffaden. Aus diesen Materialien besteht auch das Original, allerdings sind dort noch weitere Halbedelsteine verwendet worden. Zugunsten von höherer Einheitlichkeit habe ich mich aber dazu entschieden, bei drei Materialien zu bleiben 😉

Der Schädel stammt übrigens von Sebastian Heyer, alias Der Zahnschnitzer. Der Unterkiefer, der auch im Original vermutlich ursprünglich vorhanden war, wurde hier wieder ergänzt.

Ein Update: Der Rosenkranz sah bisher am Ende noch ziemlich nackt aus. Ich hatte zunächst über dem Schädel den Knoten des Hanffadens stehen lassen, da auch das Original nur diesen nackten Knoten vorweisen kann. Allerdings War das erstens nicht sonderlich hübsch und außerdem kann man vermuten, dass auch am Original der Knoten einen in irgendeiner Form zierenden Abschluss gehabt hat, der entweder verloren oder nicht erhalten war.

Ich habe mich für eine Quaste entschieden. Solche werden häufig als Abschluss für Gebetsschnüre oder Rosenkränze verwendet. Außerdem wäre eine Quaste gut geeignet, um den dicken Knoten zu verbergen.

Das gute Stück schaut nun so aus:
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